Selbstführung to go: Christina in London

Es gibt Phasen im Leben, in denen man erkennt, dass man lange in die falsche Richtung gelaufen ist. Nicht, weil der Weg objektiv schlecht war, sondern weil er nie wirklich zum eigenen Ziel gepasst hat. Für viele erfolgreiche Führungskräfte ist dieser Moment fast unbemerkt. Er kommt nicht als Krise daher, eher als leises Unbehagen, als Intuition. Trotz Erfolg fehlt etwas, trotz Struktur fühlt sich vieles schwer an, trotz Disziplin bleibt der erwünschte Erfolg aus.

Auch ich habe viele Jahre geglaubt, ich müsse mich verändern, um besser zu werden. Ich habe Routinen aufgebaut, optimiert, verworfen und neu gestaltet. Ich habe versucht, mich zu motivieren, wenn mir die Energie fehlte, und mich zu pushen, wenn mein Körper längst Pausen gebraucht hätte. Es funktionierte jedes Mal kurzfristig, aber nie dauerhaft.

Der Wendepunkt kam nicht durch eine neue Methode, sondern durch eine neue Perspektive – angestoßen durch meinen Umzug nach London. Ich hörte auf, zu werden, und begann, zu sein.

Von „Ich muss…“ zu „Ich bin…“

Dieser Satz klingt zunächst unspektakulär. Tatsächlich hat er mein gesamtes Verständnis von Entwicklung verändert. Denn solange wir glauben, wir müssten erst jemand anderes werden, führen wir einen permanenten inneren Kampf. Sobald wir beginnen, Entscheidungen aus unserer Identität heraus zu treffen, verändert sich unser Verhalten hingegen fast automatisch.

Ich frage mich mittlerweile nicht mehr: „Was müsste ich tun, um zu dieser Person zu werden?“

Ich frage mich: „Wer bin ich und was passt zu dieser Person?“

Dieser Unterschied ist fundamental, weil Motivation instabil ist. Identität hingegen ist stabil. Motivation schwankt mit Tagesform, Schlafqualität und äußeren Umständen. Identität bleibt, auch wenn es unbequem wird. Wer sich als Mensch versteht, der seinen Körper respektiert, muss sich nicht täglich neu motivieren, gesund zu essen. Wer sich als Führungskraft versteht, die Konsequenz lebt, muss sich nicht zwingen, unangenehme Gespräche zu führen. Es ist Teil des Selbstbildes.

Diese Erkenntnis hatte weitreichende Konsequenzen – unter anderem für meinen Umgang mit Routinen. Früher folgte ich jedem neuen Trend. Immerhin versprach jede Methode ein weiteres Puzzlestück für ein besseres Leben. In Wahrheit erzeugte diese permanente Erweiterung vor allem eines: mentale Überforderung. Je mehr Routinen ich hatte, desto größer wurde die Wahrscheinlichkeit, sie nicht einzuhalten. Und je häufiger das passierte, desto stärker wuchs das Gefühl, nicht konsequent genug zu sein.

Weniger Routinen erzeugen mehr Wirkung

Heute lebe ich nach dem Motto „more is less“. Ich orientiere mich an fünf Grundpfeilern: Schlaf, Bewegung, Ernährung, Wachstum und Ruhe. Mehr brauche ich nicht. Diese Bereiche decken die physiologischen und psychologischen Grundbedürfnisse des Menschen ab und wenn sie stabil sind, entsteht Leistungsfähigkeit fast von selbst.

Diese Reduktion, dieser Reifeprozess war für meinen Verstand alles andere als leicht. Komplexität wirkt oft intelligenter, obwohl Einfachheit unterm Strich anspruchsvoller ist. Das gilt für Individuen genauso wie für Organisationen: Die leistungsfähigsten Systeme sind selten die kompliziertesten, sondern die simpelsten.

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Die letzten Wochen in London haben meinen Blick auf mich und auf meine Leistung verändert. Vielleicht auch für dich?

Produktivität neu denken: Warum weniger Arbeit oft bessere Ergebnisse bringt

Parallel dazu begann ich, mein Verhältnis zu Arbeit neu zu betrachten. Lange Zeit war ich nahezu durchgehend beschäftigt, mein Kalender war voll und meine To-do-Liste ebenso. Dennoch hatte ich permanent das Gefühl, nicht wirklich voranzukommen. Busy sein wurde zu meinem Ersatzindikator für Produktivität. (Spoiler: „Busy sein“ bedeutet nicht automatisch „produktiv sein“!)

Erst als ich mir schonungslos ansah, womit ich meine Zeit tatsächlich verbringe, erkannte ich das Muster. Ein großer Teil meiner Energie floss in Aufgaben mit geringem strategischem Wert. Tätigkeiten, die notwendig waren, aber nicht entscheidend. Ich begann konsequent zu identifizieren, welche 20% meiner Aufgaben den größten Hebel für meinen Erfolg darstellen und auf genau diese Bereiche verlagerte ich dann meinen Fokus.

Das Ergebnis war paradox und hätte mich nicht mehr überraschen können: Ich arbeitete weniger und erzielte bessere Resultate! Nicht, weil ich effizienter im klassischen Sinne wurde, sondern weil ich fokussierter arbeitete. Weil meine Energie nicht mehr fragmentiert war und weil ich mein Potenzial wirklich sinnvoll eingesetzt habe.

Zeit ist nicht unsere wichtigste Ressource

In diesem Zusammenhang wurde mir noch etwas klar. Und zwar, dass Zeit nicht die knappste Ressource ist – Energie ist es. Zwei Stunden mit fokussierter brain power können produktiver sein als acht Stunden im Erschöpfungsmodus. Wer sein Nervensystem dauerhaft überlastet, trifft schlechtere Entscheidungen, kommuniziert unklarer und verliert strategischen Weitblick.

Selbstführung bedeutet deshalb immer auch Energie-Management. Es bedeutet, Pausen nicht als Belohnung, sondern als Bestandteil professioneller Arbeit zu betrachten. Es bedeutet, Schlaf als bare minimum anzuerkennen, und es bedeutet, Grenzen nicht ständig zu rechtfertigen.

Ich erwarte viel von mir.

Viele Führungskräfte haben gelernt, hohe Ansprüche an sich zu stellen. Das ist per se nichts Negatives. Entscheidend ist jedoch, aus welcher inneren Quelle diese Ansprüche stammen. Meine hohen Standards resultieren nicht mehr aus der Angst, nicht genug zu sein. Sie entstehen aus Selbstrespekt. Ich halte meine Versprechen mir selbst gegenüber. Ich wahre meine Grenzen. Ich wähle Qualität über Quantität. Ich schütze meine Energie. Diese Haltung verändert automatisch das Außen. Welche Projekte ich annehme, wie ich arbeite, mit wem ich arbeite und wie ich mich positioniere.

Anfang dieses Jahres habe ich eine Entscheidung getroffen, die diesen inneren Prozess nach außen sichtbar gemacht hat: Ich bin nach London gezogen. Nicht, weil es der einfache Weg war. Nicht, weil es rational zwingend notwendig gewesen wäre. Sondern, weil ich gespürt habe, dass meine nächste Version mehr Raum braucht.

Expansion beginnt selten mit Sicherheit. Sie beginnt mit einer Entscheidung außerhalb der Komfortzone. Und immer, wenn ich die Wahl habe, entscheide ich mich für Wachstum. Nicht, weil Wachstum immer angenehm ist, sondern weil Stillstand langfristig schmerzhafter ist. Auf keinen Fall möchte ich mir mit 80 denken: „Ach, hätte ich doch…“

Was ich Führungskräften aus meinen Erkenntnissen der letzten Wochen mitgeben möchte? Führungserfolg entsteht nicht durch noch mehr Kontrolle, noch mehr Druck oder noch mehr Tools. Sie entsteht durch Bewusstsein über die eigene Identität in Kombination mit stabilen inneren Standards. Und natürlich durch die Fähigkeit, sich selbst führen zu können, bevor man andere führt.

Wer diesen Weg geht, braucht keine permanente Motivation mehr. Er:Sie handelt aus Übereinstimmung und genau darin liegt maximale Wirksamkeit.

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  • Fokus, Prioritäten & Produktives Arbeiten
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